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Montag, 26.7.2021

Liebes Tagebuch,

vor dem Schlafengehen umreiße ich kurz den heutigen ersten Schnuppertag im LeLi-Tageszentrum.

Beim Frühstück um 9:00 Uhr durfte ich die anderen „Schnupperlinge“ kennenlernen. Ich habe es toll gefunden, dass uns die Diaetologin beim Portionieren des Frühstücks geholfen hat. Nach dem Frühstück habe ich ein erstes Kennenlerngespräch mit ihr gehabt. Sie hat mir erklärt, dass bei zu wenig Nahrung der Körper nicht lebenswichtige Funktionen wie die Menstruationsblutung herunterfährt, man schlechte Haut und Haare bekommt und nicht so leistungsfähig ist. 

Anschließend haben wir Chili con/sin Carne gekocht. Eine Mitarbeiterin hat mir ein paar Tipps zur Zubereitung gegeben. Es hat mich beruhigt zu nichts gezwungen zu werden – dafür war ich sehr dankbar. Im Anschluss an das gemeinsame Essen gab es eine Reflexionsrunde, wie es uns heute beim Kochen und Essen und auch sonst gegangen ist. 

Dienstag, 27.7.2021

Liebes Tagebuch,

heute war ich bei der Blutabnahme. Danach, am Weg zum LeLi, habe ich eine Trinknahrung getrunken.  Einerseits praktisch die unterwegs einnehmen zu können, im Gehen bin ich weniger angespannt und habe nicht so Zeitdruck und kann mich auf den Geschmack konzentrieren. Beim Sitzen am Esstisch mit anderen bin ich oft überfordert und angespannt. 

Im LeLi angekommen wollte ich mit der Diaetologin die kommenden Tage besprechen. Ich habe mich aber leider nicht getraut. Die Diaetologin war sehr lieb und hat mir Kartoffeln, Gemüse und Kräuterjoghurt fürs Abendessen portioniert mitgegeben. Das muss ich sehr zu schätzen wissen, ich habe es gerade gegessen und wollte nichts übriglassen. Abends habe ich entweder Anspannung den Erdäpfeln gegenüber oder ich verfalle im Gegenteil in einen Fressanfall und esse Unmengen – ich kann da leider kein Mittelmaß finden und habe deshalb Angst davor mein Essen alleine portionieren zu müssen. 

Ich wollte mich, wie gestern auch schon, den anderen zu Liebe überwinden und in der Küche mit Angstgegenständen (roher Fisch und Öl) hantieren, um normal zu wirken, weil ich mich für meine Berührungsängste schäme. Den andern zu Liebe habe ich die Kräutersauce gegessen, obwohl ich nicht einen Zubereitungsschritt davon gesehen habe. Das war ein Vertrauensbeweis, der mit sehr viel Anspannung verbunden war.

Am Heimweg habe ich einen Bekannten getroffen, der sichtlich überrascht über mein fettes Aussehen war und gemeint hat, dass ich jetzt gesund aussehe. Man merkt mir nichts mehr an, ich habe Kraft, ich soll weiter so machen. Das klingt für mich einfach nur wie „fett bist du geworden“. Er hat sich dann versucht hinauszureden mit „ich sei trotzdem noch schlank, aber jetzt eben gesund“. Es war bestimmt sehr lieb gemeint, aber nach einem frustrierenden Tag hat mir das einen Kloß im Hals beschert. Ich habe mich lächelnd bedankt und ihm alles Gute gewünscht.

Mittwoch, 28.7.2021

Liebes Tagebuch, 

heute habe ich mich körperlich und stimmungsmäßig sehr gut und ausgeglichen gefühlt. In der Früh war ich nicht so müde und die Sonne hat geschienen. Beim Weg zum Tageszentrum habe ich es mit einer neuen Route versucht, bei der mir ein behelmter Baustellenarbeiter „Was machen Sie da? Das ist eine Baustelle, da sind Sie falsch!“ zugerufen hat. Im Nachhinein denke ich mir, ich hätte sagen sollen: „Ich mach einen Neustart! So wie hier, auf den Reininghausgründen, auch ein Neubeginn gemacht wird, also bin ich sehr wohl richtig hier.“ 😉

Ich bin in der Früh sehr lieb empfangen worden. Ich habe diesmal mehr Zeit gehabt anzukommen, auszupacken und mich geistig auf den Tag einzustimmen. Das hat viel Stress im Vergleich zu den letzten beiden Tagen rausgenommen. Für den Tag habe ich mir vorgenommen eins nach dem andern zu denken/machen und nicht so um den heißen Brei herum zu reden. 

Beim gemeinsamen Frühstück war es richtig gemütlich – eine angenehme Atmosphäre durch schwungvolle Musik und liebevolles Herrichten. Toll habe ich die Anspannungs- und Entspannungsübung zu Beginn des Frühstücks gefunden. Das hat munter und aufmerksam gemacht und half mir, in den Moment zu kommen und mich auf das kommende Geschmackserlebnis zu konzentrieren.

Tagsüber sind zwischendurch meine Gedanken und Sorgen um Freitag gekreist, wo eine Süßspeise am Essensplan steht. Die LeLi-Mitarbeiterinnen haben mich, nachdem ich allen Mut zusammennahm und meine Sorge in der Reflexionsrunde angesprochen habe, beruhigt: „Für die geplanten drei Süßspeisen in den nächsten Wochen finden wir sicher eine Alternative.“ (Grund: Als ich 18 war, habe ich da im „Mamaverlustsheißhunger“ Unmengen in mich hineingestopft. Deswegen verbinde ich damit sehr Negatives und habe auch Angst, nach dem Kosten wieder in so Heißhungeranfälle zu verfallen.)

Freitag, 30.7.2021

Liebes Tagebuch,

gestern und heute vor den warmen Speisen habe ich mich so munter und gut gelaunt und unbeschwert gefühlt. Jetzt fühle ich mich wie ein Stein – so antriebslos, dass ich mich überwinden muss aufzustehen, um das Licht einzuschalten.

In der Gruppe haben wir darüber gesprochen, dass uns allen das Essen von Reis schwerfällt (und Nudeln, Schoko, Eis, Brot, Kartoffeln). Über Wochenendpläne haben wir auch gesprochen. Das morgige Essengehen mit 20 Leuten wird eine weitere große Herausforderung für mich. 

Dann habe ich noch ein paar Dinge fürs „Übers-Wochenende-Kommen“ aufgeschrieben: Was ich im LeLi bekomme, ist gesund! LeLi-Team isst diese Sachen auch und sie wollen sich ja auch gesund ernähren! Bei Übelkeit nach dem Essen soll ich meditieren und atmen bzw. Tagebuch schreiben! Das Wichtigste ist essen!

Diese Sätze habe ich mir auch ausgedruckt und das hat mir wirklich geholfen!

Sonntag, 1.8.2021

Liebes Tagebuch, 

das Wochenende war voller Eindrücke und lieber Begegnungen, aber auch ein starker Kontrast zur vorhergehenden Isolation im stationären Aufenthalt.

Begonnen hat der Samstag ein bisserl angespannt, da der Zug eine halbe Stunde Verspätung hatte und ich somit 15 Minuten zu spät zu Omis Geburtstagsfeier gekommen bin. Auch Papa war wegen der Verspätung etwas angespannt. Er begrüßt mich mit „Mei, du schaust gut aus, das beruhigt mich“. Auf meine Frage woran er das festmacht, gibt er mir keine konkrete Antwort und ich verfalle dann in mein wiederholendes Nachbohren. Er versichert mir dann verzweifelt, ich solle weiter zunehmen und er freue sich über jedes Gramm. Einerseits lese ich da raus, dass ich dicke Backen habe und feste Beine. Andererseits will ich Papa beruhigen und ihm mit allen Mitteln versichern, dass ich ja vier bis fünf Mal täglich esse und versorgt bin. Beim Aussteigen zum Gasthaus sagt Papa „Bevor wir da rein gehen, schalten wir auf fröhlichen Geburtstagsmodus“. Inhaltsgemäß meint das sowas wie: Jetzt sollen wir fröhlich und friedlich in Geburtstagsstimmung sein.

Im Gasthaus war das Essen angespannt. Die Portionen waren so groß, dass meine Großeltern von einem Teller aßen. Ein Bekannter, der 2m groß ist und ca. 100 kg wiegt, hatte das gleiche wie ich bestellt: Den Fisch mit Erdäpfeln. Er hat diesen, ohne Vor- und Nachspeise, gerade so weggebracht. Ich habe mir gedacht, dass es schade wäre, ein Tier überzulassen und wegzuwerfen und habe daher den ganzen Zander aufgegessen und zumindest einen der Erdäpfel. Papa saß mir gegenüber und hat halt manchmal kommentiert, ob ich den Fisch kalt werden lassen will, weil ich noch beim Salat war. Die dadurch mir geltende Aufmerksamkeit setzt mich unter Spannung. Die viele Kräuterbutter war echt ein ganz großes Angstmonster, aber der Teller war da und ich war ihm ausgeliefert. Danach habe ich mich unheimlich dick gefühlt. Anschließend waren wir noch im Garten bei Omi und Opi bis 19:30 Uhr, da habe ich dann die Trinknahrung getrunken. Wenn ich unterwegs bin oder unter Menschen, ist die fertige Trinknahrung organisatorisch schon praktisch, weil ich es auf 1 Stunde aufteilen kann und nicht immer den Papa antreiben muss, dass ich um die richtige Uhrzeit zum Kochen und Essen heimkomme.

Ich bin schon sehr neugierig auf die kommende Woche im LeLi und wirklich dankbar für die liebe Betreuung.